Deutschlands Kader in der Analyse

Gemeinsam mit Brasilien, Spanien und Argentinien gehört Deutschland bei der WM 2014 zu den Top-Favoriten. Angesichts der Geschichte der DFB-Elf, die bislang dreimal Weltmeister war und bei allen großen Turnieren nach der EM 2004 stets mindestens im Halbfinale stand, verwundert die hohe Wertschätzung der meisten Experten nicht. Auch im aktuellen Aufgebot von Bundestrainer Joachim Löw tummeln sich wieder Spieler von Weltklasse-Niveau.

Im Tor der deutschen Elf steht mit Manuel Neuer einer der unbestritten besten Torhüter der Welt, der gerade in engen Spielen zur Trumpfkarte werden könnte. Aber auch bei einem Ausfall Neuers müsste sich Fußball-Deutschland keine Sorgen um den letzten Mann machen. Mit Roman Weidenfeller reist ein ganz erfahrener Keeper mit nach Brasilien, der zwar erst im vergangenen Herbst im Nationaltrikot debütierte, aber in der Bundesliga und der Champions League seine Klasse hinreichend bewiesen hat. Und schließlich ist auch der dritte im Bunde, Ron-Robert Zieler, ein herausragender Torhüter, hinter dem viele weitere exzellente Schlussleute wie Marc-Andre ter Stegen, Rene Adler oder Bernd Leno gar keine Berücksichtigung mehr fanden.

In der Abwehr hat die deutsche Mannschaft dagegen durchaus noch Luft nach oben. Gesetzt scheint einzig Per Mertesacker in der Innenverteidigung, an dessen Seite sich Mats Hummels und Jerome Boateng duellieren. Auf der linken Seite der Viererkette dürfte WM-Neuling Erik Durm die Nase vorne haben und rechts ist im Normalfall Philipp Lahm gesetzt. Wird der Kapitän aber im Mittelfeld gebraucht, was durchaus möglich ist, müsste Löw rechts hinten entweder mit Kevin Großkreutz oder Benedikt Höwedes improvisieren. Alles in allem besitzt Deutschland eine gute Defensive, doch absolute Weltklasse verkörpert die deutsche Viererkette nicht.

Anders als das Mittelfeld, der klar am besten besetzte Mannschaftsteil. Zu erwarten ist ein 4-2-3-1 mit Bastian Schweinsteiger auf der Doppelsechs, Thomas Müller rechts offensiv, Mesut Özil in der Schaltzentrale und den letzten Leistungen in der Liga nach zu urteilen Andre Schürrle, der den verletzten Marco Reus ersetzen wird. Offen ist die zweite Sechser-Position, auf der eigentlich Sami Khedira gesetzt wäre, doch ob der Mittelfeldmann von Real Madrid nach gerade auskuriertem Kreuzbandriss während der Vorbereitung den Anschluss ans Team schafft und genügend Spielpraxis sammeln kann, ist fraglich. Als Alternative könnte Bundestrainer Löw Kapitän Lahm auf die Doppelsechs stellen oder mit Toni Kroos eine etwas offensivere Formation wählen, die dann schon eher ein 4-1-4-1 wäre. Dass Christoph Kramer, gelernter Sechser, von Beginn an aufläuft, ist eher nicht zu erwarten. Während im offensiven Mittelfeld mit Mario Götze, Lukas Podolski oder Julian Draxler eine Reihe von hochkarätigen Optionen zur Auswahl steht, findet sich mit Miroslav Klose nur ein echter Stürmer im Kader.

Durch die Nicht-Nominierung des nahezu die gesamte Saison über verletzten Mario Gomez ist der mittlerweile 35 Jahre alte Klose sogar der einzige Angreifer im deutschen Aufgebot. Weil Klose eine durchwachsene und von Verletzungen durchzogene Saison hinter sich hat, geht Löw im Angriff fraglos ein Risiko ein, doch deutet die Kader-Zusammenstellung auch darauf hin, dass der Bundestrainer das System mit der “falschen Neun“ auch in Brasilien anzuwenden plant. In diesem Fall wären wohl Götze und Müller die ersten Alternativen für die Position in vorderster Front, wo auch Podolski und Schürrle spielen könnten. Nachdem die meisten Tests ohne echten Stürmer aber wenig erfolgreich gerieten, sollte man sich besser nicht darauf verlassen, dass es mit Götze als Stürmer bei der Endrunde plötzlich perfekt klappt.

Unter dem Strich besitzt Deutschland eine Mannschaft, die Weltmeister werden kann. Dafür muss aber ein Rädchen ins andere greifen und vor allem in der Offensive ein funktionierendes System gefunden werden. Zudem müssen die Leistungsträger wie Neuer, Lahm, Schweinsteiger und Özil voran gehen. Wenn sich dann Müller oder ein anderer Mittelfeldspieler zum Torjäger aufschwingt, wäre selbst ein Stürmer von Weltklasse-Format verzichtbar und der Weg zum vierten Titelgewinn bereitet.