Darum kann die Schweiz bei der WM überraschen

Zum zehnten Mal nimmt die Nationalmannschaft der Schweiz im Sommer 2014 an einer Weltmeisterschaft teil. Nach sechs Teilnahmen zwischen 1934 und 1966 inklusive der Heim-WM 1954 dauerte es 28 Jahre, bis ein Team der Eidgenossen 1994 in den USA wieder dabei war und immerhin bis ins Achtelfinale kam. Bis zur nächsten erfolgreichen Qualifikation vergingen dann abermals zwölf Jahre, doch seit der WM 2006 in Deutschland ist die Schweiz Stammgast bei den Endrunden und im Vorfeld wohl noch nie so stark eingeschätzt worden wie 2014.

Ein Grund dafür, dass nicht wenige Experten der Schweiz in Brasilien sehr viel zutrauen, ist sicherlich der überaus souveräne Marsch durch die Qualifikationsgruppe mit Island, Slowenien, Norwegen, Albanien und Zypern, in der der ungeschlagen gebliebenen Mannschaft von Trainer Ottmar Hitzfeld sieben Siege und drei Unentschieden geglückt sind. Allerdings war diese Gruppe mit die schwächste in der gesamten Europa-Qualifikation, weshalb die Suche nach Gründen für die hohe Wertschätzung der Schweizer Auswahl weitergehen muss.

Schnell ist man dann bei Trainer Ottmar Hitzfeld angelangt, der auf Vereinsebene mit Borussia Dortmund und dem FC Bayern München nicht nur zahlreiche nationale Titel eingefahren, sondern 1997 und 2001 mit beiden Vereinen auch die Champions League gewonnen hat. Der mittlerweile 65 Jahre alte Hitzfeld, der bereits im November angekündigt hat, seine Trainerkarriere mit der WM 2014 zu beenden, ist mit seiner Erfahrung und dem Gespür für die jeweilige Situation zweifellos ein Trumpf der Schweiz, die aber auch über einen exzellenten Spielerkader verfügt. Dank der herausragenden Nachwuchsarbeit, die seit Jahren in dem kleinen Land mit nur etwas mehr als acht Millionen Einwohnern geleistet wird, verfügt Hitzfeld quer durch alle Mannschaftsteile über Profis, die ihre Qualitäten auch auf internationalem Parkett schon hinreichend bewiesen haben.

Im Tor steht mit dem 30 Jahre alten Diego Benaglio ein sehr erfahrener Keeper, der Woche für Woche in der Bundesliga Top-Leistungen abliefert und mit dem VfL Wolfsburg 2009 auch schon deutscher Meister war. Sein Teamkollege Ricardo Rodriguez gehört europaweit zu den besten Linksverteidigern und steht nicht ohne Grund auf dem Wunschzettel von Klubs wie Real Madrid und dem FC Chelsea, während sein Pendant auf der rechten Seite, Stephan Lichtsteiner, bei Juventus Turin als offensivstarker Außenverteidiger glänzt. Sorgen macht den Fans der Nati dagegen die Innenverteidigung, die nicht ganz so hochkarätig besetzt ist und zur Achillesferse werden könnte.

Die größten Stärken der Schweiz liegen derweil im Mittelfeld, wo mit Gökhan Inler, Blerim Dzemaili und Valon Behrami gleich drei Profis vom SSC Neapel aktiv sind. Zwei aus diesem Trio werden die Doppelsechs bilden, wo auch Granit Xhaka spielen könnte. Anders als bei Borussia Mönchengladbach wird Xhaka von Hitzfeld in der Nati aber offensiver eingesetzt und agiert in einem 4-2-3-1 in zentraler Rolle der offensiven Dreierreihe hinter der einzigen Spitze. Die beiden Flügelspieler wechseln oft die Seiten und heißen in Brasilien vermutlich Xherdan Shaqiri und Valentin Stocker. Bei Shaqiri, der trotz seiner Jokerrolle beim FC Bayern München als der Superstar der Schweiz gilt, bleibt aber abzuwarten, wie der Offensivmann seine Muskelverletzung aus dem letzten Saisondrittel auskuriert hat. Stocker, dem mehrere Anfragen aus der Bundesliga vorliegen, konkurriert mit Tranquillo Barnetta von Eintracht Frankfurt und Admir Mehmedi vom SC Freiburg, dürfte aber de Nase vorne haben.

Mehmedi könnte auch im Angriff spielen, wo nach seinem beiden Toren im Länderspiel gegen Kroatien (2:2) Anfang März und 17 Treffern in der Bundesliga für den 1. FC Nürnberg erst einmal Josip Drmic gesetzt sein dürfte. Mario Gavranovic vom FC Zürich und Haris Seferovic von Real Sociedad San Sebastian sind die beiden übrigen Angreifer im Kader, der damit in vorderster Reihe stärker besetzt scheint als bei den vergangenen Turnieren.

Auch deshalb hat die Schweiz gute Chancen, die Gruppe E mit Frankreich, Ecuador und Honduras zu überstehen. Danach scheint einiges möglich, wenn der aus Gruppe F stammende Achtelfinal-Gegner nicht unbedingt Argentinien heißt. Doch selbst gegen die Gauchos wäre die Schweiz nicht chancenlos, wie der sensationelle 1:0-Sieg über den späteren Weltmeister Spanien bei der WM 2010 in Südafrika gezeigt hat. Anders als damals soll aber nach der Gruppenphase diesmal nicht Schluss sein.